KATHRIN THIELE

Arbeiten
1980 geboren in Wolfen
1999-2006 Studium der Malerei bei Prof. Arno Rink und Prof. Neo Rauch, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
2006 Meisterschüler bei Prof. Neo Rauch, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
lebt und arbeitet in Leipzig

 

Spielmacherin

Kathrin Thieles Leinwände sind geduldige Plattformen und haben einen langen Atem. Sie gestatten es, dass Farben auf ihnen sprießen und vergehen dürfen. Formen fließen und erstarren. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Mal ist die Optik scharf gestellt, mal irritierend verschwommen. Räume schreien nach Expansion und konkurrieren mit menschlichen Physiognomien, die ihre eigene, nahezu skulpturale Dimension behaupten wollen.
Die Leinwände dulden aber keine Parasiten, keinen permanenten Egotrip einzelner Bildelemente.
Denn Kathrin Thieles Malerei funktioniert wie ein Mannschaftsspiel: Der Rückpfiff vom Feld erfolgt, wenn die jeweilige Leistung erbracht wurde.

Die Leipziger Malerin gewährt zunächst der Figuration den Vortritt.
In ihren Arbeiten aus den Jahren 2006/2007 treten Menschen auf kleinformatigen Leinwänden hervor, deren Körper in Bewegung sind. Sie treten, tanzen, balancieren, besteigen, bedrohen, beklagen und ducken sich. Ihr Gestus birgt Archaisches und erscheint mal ausladend direkt. Mal ist er aber auch nur angedeutet und entfaltet seine Wucht erst durch den malerischen Dialog mit einem anderen Bildelement wie einer Wand oder einer zweiten Person. Manchmal hat man bei Kathrin Thiele auch den Eindruck, ihre Figuren dienten allein dazu, Farbstimmungen über das Bild zu schieben, um somit den Blick an einer bestimmten Stelle des Motivs festsaugen zu können. Das kann beim Betrachter ein Kammerflimmern verursachen, denn Kathrin Thiele spielt mit dem Unbehagen, im positiven als auch im negativen Sinne.
Und immer wieder wird man von der Farbe Rot und ihrem visuellen Sog erwischt und schaut auf Schuhe, Bettdecken, Pullover, Arme und Beine und wehende Felder und Bänder.

Der Rhythmus dieser früheren Arbeiten ist ein schwingender und fließender, der jedoch in einem geschlossenen, eher nächtlich anmutenden Raum verortet zu sein scheint.
Den durchstößt die 1980 in Wolfen geborene Malerin in dem Zyklus `Flinke Finken flüchten`. Dort öffnet sich die Kammer und die Dimension geht gegen Himmel. Trotzdem bleibt die Atmosphäre zwielichtig und mysteriös.
Thiele thematisiert in den 2008 entstandenen Arbeiten Katastrophenszenarien. Rauchschwaden erheben sich über Dörfern, aus Fliegern stürzen Bomben herab, ein Schiff bricht in unwegsamen Gewässern entzwei und Menschen stranden auf einer Insel, die alles andere als paradiesisch ist. Selbst der großformatige Leinwandflug von Vögeln in einen braun-gräulichen Himmel lässt Beklemmung aufkommen. Und wer möchte auf zwei putzig-bunten Luftmatratzen liegen, wenn diese in einem schwarzen Gewässer schwimmen, das aus Teer zu bestehen scheint?
Auf diesen Leinwänden beweist Kathrin Thiele nicht nur ihre Könnerschaft als Spielemacherin, sondern schafft es, eine humoreske Note in ihre Motive zu integrieren. Die collage- und elanhafte Komposition der früheren Bilder ist einem ruhigeren, entschleunigten, ja fast eingefrorenen Malduktus gewichen.
Die Figuren haben ihren Job gemacht, werden zum Teil abgezogen. Die Landschaft und der Raum erhalten ihren Auftritt. Die Figuration wird zum Ersatzspieler. Manchmal erliegt sie sogar der Umgebung und dämmert auf Treppenstufen ausgestreckt vor sich hin.
Kathrin Thiele hat schon so manche Treppe in ihren Motiven integriert. Denn ihre Malerei ist keine `chasse en carré `- kein genau abgestecktes Feld. Was auf ihren Leinwänden plötzlich aufsteigt, um dann die Stufen wieder hinuntergeleitet zu werden, überrascht Kathrin Thiele selbst manchmal.
Aber ein guter Spieler weist sich durch Ausdauer aus.

Claudia Cosmo
VG Wort, München 2009