KATRIN HEICHEL

Arbeiten

 

1972  in Leipzig geboren
2000-2005  Studium der Malerei bei Prof. Arno Rink, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
2005  Diplom
2005-2008  Meisterschüler bei Prof. Neo Rauch
 lebt und arbeitet in Leipzig

 

Stipendien und Auszeichnungen

2007            Meisterschülerstipendium des Freistaates Sachsen
2008            Nominierung für den Karl-Schmidt-Rottluff-Preis
2011            Artist in Residence International Studio and Curatorial Program (ISCP) New York, von der Kulturstiftung des
           Freistaates Sachsen

 

 

Malerei ist ein trügerischer Pfad. Sie narrt uns mit ihrer repräsentativen Seite, mit der Schwere und Missverständlichkeit ihres Erbes. Sie verführt uns wie nur wenige Produkte menschlichen Schaffens es tun, sie trägt Jahrhunderte der Geschichte in sich und ist doch stets jung und riecht so frisch, als sei sie erst gestern geboren. Eines der Schlagwörter zur Malerei, das mich am meisten reizt, ist „kill or cure” (töte oder heile) – eine Phrase, die vor allem mit Edward Munch assoziiert wird. Der norwegische Künstler würde seine Bilder allerdings lieber draußen lassen, um sie dem Wirken der Natur, dem Draußen auszusetzen. Er würde sie sozusagen wegstellen.

Schaue ich mir die Nachwehen von Katrin Heichels Erfahrungen als visitor in New York an, erkenne ich, dass „kill or cure“ sich auch auf den urbanen Raum beziehen kann, dass es sich heute geradezu nur auf den urbanen Raum beziehen kann, sei er eine Straße oder ein Atelier. Und so bleibt die Dichotomie vom Drinnen und Draußen für eine längst vergangene Zeit.

Als ich Katrins Heichels New Yorker Atelier betrat, fühlte ich mich wie in einer verzerrten, malerisch transformierten, van Eyckten Version von Platos Höhle. Während ihrer Zeit in New York erneuert die Künstlerin ihren Arbeitsraum, ihre Bilder werden zu möglichen neuen Dimensionen eben jenes Raumes, zu neuen Pforten in das Unerwartete. In diesem multidimensionalen Raum aus Raum erkenne ich, dass Malerei noch immer Magie ist. Heute ist sie das nur noch selten, heute, da Leinwände und Pinselstriche ihre Tänze vollführen unter dem Oberbegriff der Konzeptionellen Kunst. Sie teilen ihre Tanzfläche mit den üblichen Verdächtigen – Video, Performance, usw.. Doch in Katrin Heichels Malerei finden wir noch eine mystische Kraft, eine Raum-Erfahrung im Drinnen und im Draußen, von der Künstlerin transformiert in etwas überwältigendes, zugleich vertraut und vollkommen fremd. Chaos, ein germanisches, ein barbarisches – ja, barbarisches – Chaos, ist Katrin Heichels Antriebskraft. Ihre Arbeit erinnert an Lucy McKenzie und Neo Rauch, doch das ist nur der Anfang, das wahre Gespräch beginnt mit dem Abgang des Vergleichs mit einer näheren oder weniger nahen Geschichte der Kunst, wir tauchen ein in tiefe, wenngleich bi-dimensionale Räume. Können sich Punk und Bramante treffen? Bei Katrin Heichel ist die Antwort eindeutig Ja! “Freiheit” ist die Botschaft ihrer Arbeit, sie entstammt einem Modus operandi, in dem das altehrwürdige Stillleben bis zum Extrem aktualisiert wird, in dem Tiere und Gegenstände zur Grundlage immersiver, durch Versatzstücke angereicherter Installationen werden. Diese Entscheidung wird mit technischer Virtuosität ausgeführt und trifft auf eine ausgewählte Verrücktheit. Jede ihrer Arbeiten ist eine kunstvoll ausgeführte Mischung aus Straßenkunst und Trompe-l’œil, eine Dichotomie, die nach Oxymoron klingt. Wir können Katrin Heichels Arbeit durch diesen Kontrast vielleicht aus einem anderen Winkel betrachten oder sie erneut als gekonnte Balance zwischen widerstrebenden Kräften bestätigen: der Malereigeschichte auf der einen Seite und dem unaufhaltsamen Streben nach Freiheit auf der anderen Seite; dem Stillleben mit all seinen Traditionen und Kompositionsregeln auf der einen Seite und der Straßenszene, dem Müll, dem lebendigen Weggeworfenen auf der anderen Seite. Mit diesem Hintergedanken, und einem Caravaggio-Ansatz, sehen wir Katrin Heichels New Yorker Arbeiten als eine „Hommage an den Fleck“, eine „Ode an den Schmutz“. Manisch, obsessiv und voller Wut: Diese Attribute treten aus den Arbeiten der Künstlerin hervor und doch wird jedes Element ihrer Arbeit vorgetragen in der Sprache der Tradition, der Ordnung, der Repräsentation. Es ist eben jene Reibung, die ihre Arbeit so besonders, so sonderbar macht. Sie fließt zwischen die Zeilen, vermeidet Vermittlung, spiegelt wenn nicht Schizophrenie so doch eine bipolare Einstellung, die verwirrt und anzieht. Hier, in diesem Raum, diesem magischen Ort, der niemandem zu gefallen sucht als ihrer eigenen satisfaction, ihrer eigenen Reaktion auf Wut und Extremität, in diesem Raum lässt uns Katrin Heichel allein, auf dass wir uns unseren einfachsten und tiefsten Ängsten stellen: Es gibt kein Draußen mehr. Es gibt keine Hypothesen, keine Verarbeitung, keine gegensätzlichen Kräfte. Alles ist dasselbe. Und zugleich vollkommen anders.

Nicola Trezzi

 

24x30 cm | Öl auf Leinwand | 2010

180x140 cm | Öl auf Leinwand | 2010

220x270 cm | Öl auf Leinwand | 2010

180x210 cm | Öl/Ei auf Leinwand | 2009

190x160 cm | Öl/Ei auf Leinwand | 2008

250x210 cm | Öl/Ei auf Leinwand | 2008

80x70 cm | Öl/Ei auf Leinwand | 2006