MORITZ SCHLEIME

Arbeiten
1978 geboren in Berlin-Ost
1984 Übersiedlung nach Berlin-West
1998-2004 Diplom und Meisterschüler an der Kunsthochschule Berlin
bei Prof. H. Schimansky und Prof. W. Liebmann
lebt und arbeitet in Berlin

 

 

Moritz Schleimes Malerei bewegt sich in Regionen entarteter Popkultur – in einer Welt, in der Monster, Hipster, Comic Helden und andere Protagonisten der Popkultur zusammenkommen. Obwohl Schleimes Werke den Anschein erwecken, von amerikanischen Säulen, wie Slash, Michael Jackson und Oscar the Grouch, getragen zu werden, so äußern sie sich dennoch in einer charakteristisch deutschen Weise. Seine Werke lehnen sich an einer Reihe Künstler der Leipziger Schule an, beispielsweise an Neo Rauchs surreale und unbestimmt wirkende Narrativität oder Daniel Richters gespritzte und gekleckerte Malerei. Seine Generation bestimmt eine neue Welle der Leipziger Schule – Künstler, welche beispielsweise Die DDR nur im Kindesalter erlebt haben.

Schleime nutzt DDR Comics, dessen ursprünglicher Zweck das erleichterte Näherbringen der sozialistischen Werte an Kinder war, als eine Art narrative Struktur für seine Malerei. Im Alter von 6 Jahren verließ Schleime Ostberlin und kam in Westdeutschland zum ersten Mal mit westlicher Popkultur in Berührung. Zufällig erleidet der 25-jährige Michael Jackson im selben Jahr im Zuge einer Pepsi Werbung mehrfache Verbrennungen durch Feuerwerkskörper – ein Ereignis, welches später als der Anfang vom Ende in der Geschichte des Pop bezeichnet wird. Ebenso im selben Jahr erscheint Jacksons Album „Thriller“ im Guinness Buch der Rekorde als bestverkaufte Platte aller Zeiten. Für Schleime repräsentiert Jackson ein Symbol seiner Generation, die laut ihm „sexbesessen, hirntot und verrückt“ sei. So erinnern Schleimes bösartige, dennoch stilvoll-modische, abscheuliche Kreaturen an jene monsterartigen Kreaturen in Michael Jacksons „Thriller“ Musikvideo.

Kurz nach dessen Tod, bezeichnet Schleime seine Jackson-bezogenen Kommentare selbst als Sarkasmus und gibt zu, schon immer ein Bewunderer Jacksons Magie gewesen zu sein – die Ambivalenz unserer Gesellschaft gegenüber ihren Helden, welche sich auch in Schleimes Arbeiten reflektiert. Die Jackson-Geschichte spiegelt zum größten Teil eine Verantwortlichkeit wieder – sowohl persönlich als auch kulturell gesehen. Kontinuierlich flutet Jackson die Medien und lässt die Musikindustrie explodieren – man kann sich fragen, welche Inhalte noch zu Tage kommen werden, die unser Verständnis voran bringen könnten. Wer oder was ist verantwortlich für die Lücke, welche er in Ruhm und Erfolg hinterlässt? Und wer genau war diese Person eigentlich? Hinter einer grotesken Maske, auffällig und dennoch verweigert, aus plastischer Chirurgie und Depigmentierung, bleibt ein verwirrter, zurückhaltender Mann – nostalgisch für eine sichere Kindheit in Privatsphäre, welche er selbst so nie erleben durfte. All dies sollte man in Betracht ziehen beim Anblick einer Kultur, welche die oft unzureichend begründeten und impulsiven Handlungen des Privatlebens gleichzeitigt ermutigt und verachtet.

Obgleich Kurt Cobain in keinem von Schleimes Werken explizite Darstellung findet, so lässt doch Nirvanas Quintessenz von jugendlicher Angst, Wut und dessen anschließender Kommerzialisierung grüßen. Als 1989 die Berliner Mauer fiel, existierte Nirvana als Band seit zwei Jahren und bereitete ihr zweites Album „Nevermind“ vor. Schleimes rebellische Bilderwelt, ob nostalgisch wie ein altmodischer Ghettoblaster und DDR-typische Comic Helden, oder langlebiger wie Klo Graffitis,  Totenköpfe und Nietenwesten, zeigt, dass auch die roheste, gegenkulturell-trotzigste Aktion, Klamotte oder Dekoration, mühelos vermarktet und kommerzialisiert werden kann. Die Kombination aus Zeitschrift und Malerei erklärt sich fast von selbst.

Betrachtet man Schleimes Arbeiten, fallen drei Werke besonders ins Auge: „Bigmouse“ (2008), „Bigmouse2“ (2009) und „Asso Rock“ (2009). Diese Malereien fangen deutlich die rohe, jugendliche Gefühlswelt aus Wut, Trotz und Identitätsfindung ein. Schleimes grobe und lockere Technik unterstützt wechselwirkend diese emotionale Ebene. In „Bigmouse2“ gelingt es Schleime eine Figur (eine Art haariger, mausartiger Hipster oder Hipster Maus, ganz im Auge des Betrachters gelegen) in provokativer und dennoch lässiger Pose zu zeigen. Obwohl nicht gleich vulgär-verlockend wie eine American Apparel Werbekampagne, so steht doch die mit Graffitis übersäte Wand, unter anderem bestehend aus Firmen- und Indie Band Logos, im gleichen Zusammenhang mit der verworrenen Unordnung unserer Jugendkultur.

Die Hauptaussage mag verschlüsselt oder mehrfach verändert worden sein, gleiche Trends sich wiederholt haben – zurück bleibt eine Richtung: die kulturelle Entropie (Maß der Unordnung). Dies mag der wahre Gegenstand in Schleimes Malerei sein.

Ist es die Herausforderung der Malerei, die, durch kontextuelle Hindernisse des Mediums,  verlorengegangene Wirksamkeit der Aussage zu überwinden? Selbige Frage mag vielleicht auch Nirvana nach dem Erfolg von „Nevermind“ geplagt haben – einem Album, das wütend-verunsicherte und angsterfüllte Emotionen in einer attraktiven Hülle aus Pop und Empfindsamkeit verpackte. Kurt Cobain, sehr zwiegespalten zu dieser Kritik stehend, suchte sich eine weniger akkurate Produktionsfirma für das darauf folgende Album, zum Teil um sich von dem Mainstream Teenager Publikum zu entfernen, welches er verachtete. Während der Aufnahme von „In Utero“ allerdings quälten ihn Bedenken bei der Produktion seiner hochpräzisierten Songwritings und er ließ mehrere Songs überarbeiten und korrigieren. An diesem Punkt jedoch konnte Nirvana ihrer kulturellen Fügung als die Wortführer der Generation X nicht mehr entkommen.

Schleimes Werk „Asso Rock“ stellt ein Mädchen dar, gekleidet in Leggings und Kapuzenpullover, dem Betrachter bedrohlich den Mittelfinger zeigend. An selbigem Finger trägt sie einen Totenkopfring, in dessen Augenhöhlen sich Amerikanische Dollarnoten zeigen. Das Kapuzenshirt mag sowohl ein Merkmal für Antikultur und Identitätsverbergung, als auch Indiz für Anonymität, Rätselhaftigkeit, Bedrohung, Wut und Zorn sein.

Es wird interessant sein, zu sehen, wie sich Schleimes Malerei in Zukunft entwickelt. Während Jackson und Cobain intensive Rückläufigkeit erfahren haben, so legt Schleime Wert darauf, dass die Pop- und Antikultur unserer Jugend sich nicht nur angepasst hat, sondern auch fortwährend in einer Marktlücke geleckter und gebündelter Angst existieren wird. Falls junge, hippe Berliner in etwa so sind wie die jungen Bewohner Williamsburgs oder Brooklyns, ist doch eines klar: Hipstertum und viel wichtiger dessen Vorläufer, wie Pubertät, Mode und Trends, sind kurzlebig. Antikultur wird sich entwickeln, sowohl innerhalb als auch außerhalb kommerzieller Grenzen, und dennoch unendliche Tode sterben.

 

(Greg Lindquist, for Beautiful/Decay, Book 2, Los Angeles, 2009, frei übersetzt von Jule Schmidtke)

Pariah | 200 x 140 cm | Öl auf Leinwand | 2016

R.I.P.A.O.S. | 100 x 80 cm | Öl auf Leinwand | 2016

Das Aquarium | 190 x 130 cm | Öl auf Leinwand | 2016

The Chicks of Avinyó | 200 x 180 cm | Öl auf Leinwand | 2016

The Dicks | 250 x 170 cm | Öl auf Leinwand | 2016

Turbonita | 180 x 150 cm | Öl auf Leinwand | 2015

Olympia | Acryl und Öl auf Leinwand | 180 x 260 cm | 2015

Misti Mountain Hop | 230x160 cm | Öl auf Leinwand | 2014