PAULE HAMMER

Arbeiten
1975 geboren in Leipzig, aufgewachsen in Suhl
1997-2002 Studium der Malerei bei Prof. Sighard Gille, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
lebt und arbeitet in Leipzig

 

Die Bilder des Künstlers Paule Hammer tauchen selten als einzelne Statements auf. Sie sind meist gruppiert und arrangiert in Tableaus oder umfangreichen Installationen. Er schafft es, Bilder zu installieren und Installationen zu Bildern werden zu lassen. Die Installation „Walhalla“ von 2003 bringt dieses formale Vermögen auf den Punkt. „Walhalla“ ist ein grob gezimmerter Kiosk, der innen mit einer Vielzahl von Bildern behängt ist: Mahatma Gandhi, Harald Juhnke, Van Gogh, Roy Black, Che Guevara, Johnny Cash, Jesus, verschiedene Comic-Figuren und all die anderen medialen Charaktere mit ihren verzerrten Zügen. Kurz, das ganze Repertoire der Kulturindustrie, die es schafft, jede politische oder kulturelle Äußerung gleichzuschalten und zu trivialisieren. Diese Masken der Unterhaltung sind vor allem Identifikationsangebote. In diesem medialen Überangebot gilt es, die eigenen Perlen herauszupicken und zur Geltung zu bringen. Dass eine so zusammengesetzte Identität wacklig ist, da sie aus fiktionalen und anonymen Bruchstücken besteht, zeigt die zusammengeflickte Installation deutlich: ein windschiefer Schuppen, der aus Resten gebaut ist und der ohne wirkliche Fenster oder Türen auskommen muss. Auf der Wäscheleine hängen die abgetragenen Kleidungsstücke der Bewohner: eine selbst bemalte Jacke, auf der sich unterschiedliche Selbstporträts des Künstlers finden, nimmt sich wie der hilflose Versuch aus, die Sache der Selbst(er)findung einmal selbst in die Hand zu nehmen, oder ein BH, der mit großem Augen auf beiden Körbchen gestaltet ist; die Applikationen sind genauso albern und hilflos wie ihre Besitzer. Hammers Installation ist unmetaphorisch und gaukelt keine Metaphysik der Gefühle und Bedeutungen vor. Das, was es zu sehen gibt, ist das, was es gibt. Nicht mehr und nicht weniger.

Paule Hammers Bilder und Tableaus zeigen nicht die beliebten Sujets der Gegenwartsmalerei: Raum, Architektur und die vermeintlich vierte Dimension der surrealen Wunder und Parallelaxenverschiebung. Aber wenn er sich dieser Elemente bedient, dann unter den Vorzeichen der Destruktion von Bedeutungsschwärmerei und selbstgefälliger Abstraktion. In den Bildern von Hammer gibt es ein konfliktträchtiges Spiel mit den Bedeutungsebenen der Malerei und der Psychologie des Künstlers. Gleichzeitig erzeugt er eine greifbare und offene Eben von Pathos und Melancholie, die seine existenziellen Themen konkretisiert. Er tut dies ohne Dogmen und Didaktik, wechselhaft und spannungsvoll in seinen Ausdrucksformen; von der Installation zur Leinwand, zum Papier, zur Abfallskulptur, zur Plakatkunst. Paule Hammers Arbeiten sind smart, präzise, abgründig und schräg wie die Arbeiten von Mike Kelley und damit weniger aufdringlich und plakativ als die Material- und Wortexzesse eines Jonathan Meese. Die Diskussion auf ein maskulines Verwirrspiel fokussierend bringt Hammer immer wieder seine Freude an der Provokation zum Ausdruck. Noch wichtiger erscheint aber sein Vermögen, unterschiedlichste Bildsprachen zu sprechen: Demontage von Kunstmythen in düsterem Comic-Style, Selbstironie und lancierte Naivität werden mit kräftigem Farbauftrag auf der Leinwand präsentiert, Schrift erscheint als grotesker Kommentar in gekonnter Plakatmalergeste, Raumansichten und Landschaftsdetails werden präzise gemalt und seine Skulpturen und Installationen zeigen Raum- und Materialverständnis. Formen und Fiktionen der eigenen Kunst werden immer wieder gegeneinander gehalten und anders beurteilt. Diese Unruhe und Angriffslust bringen Hammers produktiven Konflikt zum Ausdruck: der Künstler gegen sich selbst, die Kunst gegen die Wirklichkeit und gegen die Wirklichkeit der Kunst. Nichts steht für sich selbst, alles eckt an, passt nicht zusammen und opponiert gegen jeden Wunsch von stillem Einvernehmen.

Maik Schlüter, VG Wort Bonn, 2006

Acimera Merda | 280 x 200 cm | Acryl und Fotokopie auf Leinwand | 2015

Eine andere Gattung | 280 x 200 cm | Acryl und Fotokopie auf Leinwand | 2015

Streitwesen | 120 x 100 cm | Acryl und Collage auf Leinwand | 2015

Du darfst | 120 x 100 cm | Acryl und Collage auf Leinwand | 2015

Geister | 120 x 100 cm | Acryl und Collage auf Leinwand | 2015