LFN TEXT 2006

Alles und Nichts

Der „Laden für Nichts“, 1998 von Uwe-Karsten Günther in Leipzig initiiert, hat sich seit seiner Gründung mehrfach gewandelt. Zunächst wurde der Laden als Ausstellungs- und Aktionsraum mit geringer Quadratmeterzahl in einem ehemaligen Ladenlokal betrieben und bot vornehmlich Künstlern und Künstlerinnen aus Leipzig die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Von vornherein erteilte Uwe-Karsten Günther einem streng ausformulierten Ausstellungsprogramm mit spezifischen Inhalten eine Absage. Der Raum wurde für jede Ausstellung oder Aktion neu definiert und bot Platz für Einzel- und Gruppenschauen für fast jede Art von Medium. Häufig wurde die Location zum Schauplatz für Bandauftritte, Partys und eine Reihe anderer sozialer Aktionen mit Performance-Charakter. Günther verstand sich weder als Kurator noch als Galerist, sondern bot vielfältigen künstlerischen Aktionen den nötigen Raum, ohne dabei stur auf die programmatische Dichte, formale Konsequenz oder Öffentlichkeitswirksamkeit zu schauen. Entscheidend für das Projekt war und ist die enge und gleichberechtigte Zusammenarbeit aller Akteure. Die Bereitschaft von Seiten der Künstler und Künstlerinnen nicht nur ihre Kunst, sondern auch ihre Diskussionsbereitschaft und Arbeitskraft miteinzubringen bildet die Grundlage aller Aktionen und Ausstellungen im „Laden für Nichts“. Teil des Selbstverständnisses ist bis heute Risikobereitschaft und Spontaneität in der Umsetzung der Projekte und der Mut, sich in Auseinandersetzungen hineinzubegeben, die unbekannt oder unkalkulierbar sind. 1999 bot sich die Gelegenheit, räumlich zu expandieren. In derselben Straße wurden weitere Räume angemietet, ohne dass sich die Abläufe und Vorstellungen entscheidend geändert hätten. Dennoch liegt in dieser Vergrößerung das Potenzial für die heutige Form des Ladens und seine widersprüchliche Überführung in den institutionellen und kommerziellen Kunstbetrieb. Natürlich stand Günther mit seinem Laden nie außerhalb dieses mannigfaltig zu begreifenden Feldes, er war lediglich zu Beginn klarer als Offspace definiert als es in seiner heutigen Form der Fall ist. „Der Laden für Nichts“ war unterschiedlichen Transformationsprozessen unterworfen und hat diese Wandlungsfähigkeit und Offenheit zu einem Label werden lassen.

Im Jahr 2003 wurden die Räume gekündigt und der Laden geschlossen. Uwe-Karsten Günther vollzog einen komplexen Schritt, der den Fortbestand des Ladens genauso sicherte wie seine Neugründung unter gänzlich anderen Vorzeichen. Er baute den Raum im Maßstab 1:1 nach und stellte ihn als Kunstobjekt und als Kunstraum aus. Er hob damit die Trennungen zwischen Räumen und Objekten, Institutionen und Kunstwerken, Museums-, Galerie- oder Messebesuchern, zwischen Kunstvermittlern und Kunstverkäufern auf. Das 1:1-Modell stellte zugleich die Frage nach der Authentizität des Raumes. Neben dem konkreten Verhältnis von Realität und Imitation geht es dabei auch um Fragen des Selbstverständnisses. Beim Offspace gilt die Sache als echt und vertretbar, so lange die Grenzlinien klar definiert sind: Kritik und Kommerz, Inhalt und Popularität, lokale Szene und überregionale Aktion etc. schließen einander aus. Diesen einfachen Gleichungen widersprach Günther und exportierte seine Idee von Kunst und Vermittlung in die hiesige Hochschule ebenso wie auf die Kunstmesse nach Frankfurt oder in eine Londoner Galerie, kooperierte mit unterschiedlichen Kuratoren und Künstlern und ließ sich auf kein Format ausschließlich festlegen. Ein Jahr später bot sich die Möglichkeit, den „Laden für Nichts“ wieder in Leipzig zu eröffnen. Diesmal im Zentrum der Stadt und vis-à-vis des neu erbauten Museums der bildenden Künste. Die Erfahrungen, die Günther in den letzten Jahren gemacht hatte, veränderten auch die Struktur des neu eröffneten Ausstellungsraums. Er konzentrierte sich von nun an auf die verbindliche Zusammenarbeit mit einer begrenzten Anzahl an Künstlern und Künstlerinnen und öffnete die Räume für Ausstellungen, die über den lokalen Bezug hinausgingen. Auch die Räume selbst glichen jetzt mehr einer konventionellen Galerie, einschließlich der separierten Bar und der Büroräume. Der Verkauf und die Vermittlung von Kunstwerken und Ausstellungen wurde zum integralen Bestandteil der Arbeit. In dieser Situation entschied sich Günther für ein eigenwilliges Vorhaben. Er ließ ein Modell vom Laden im Maßstab 1:10 in zwölffacher Ausführung anfertigen. In den Miniaturausgaben realisierten Künstler und Künstlerinnen aus Leipzig Ausstellungen. Die Modelle mit den fertigen Ausstellungen zeigt Günther als zwölfteilige Arbeit im gegenüberliegenden Museum der bildenden Künste. Der Vergleich Laden und Museum markiert deutliche institutionelle, politische oder wirtschaftliche Unterschiede. Der Laden befindet sich in einem unsanierten Gebäude der Innenstadt und bezieht aus dieser Lokalisierung einen Teil seines Erscheinungsbildes und Selbstverständnisses, auch wenn Günther mit seinem erweiterten Programm die enge Festlegung auf eine autonome und anarchische Struktur konterkariert. Blickt man aus dem Fenster seiner Räume, sieht man die moderne und übergroße Fassade des Museums. Ein Neubau, der in seiner Präsenz und Dimension das gesamte Entree zur Innenstadt bestimmt und der in seiner Funktion und Notwendigkeit nicht unumstritten ist. Die Ausstellung der Modelle im Museum zeigt, dass es von beiden Seiten ein Interesse an Zusammenarbeit gibt und dass die klaren institutionellen Grenzen an dieser Stelle widersprüchlich und verschwommen sind. Wenn es eine programmatische Festlegung für den Laden gibt, dann vielleicht die immer währende Infragestellung festgelegter Grenzen. War das 1:1-Modell mehr als Institutionserweiterung zu verstehen und als Möglichkeit neue Präsentationsformen zu erproben, sind die Miniaturausgaben eher handelbare Kunstwerke. Es erscheint nur konsequent, wenn Günther nicht nur den Laden, sondern auch die Kunst verkleinert und als Objekte ins Museum stellt. Zum einen finden dadurch Arbeiten Zugang in einen musealen Ausstellungsraum, die sonst dort möglicherweise nicht gezeigt würden. Zum anderen heben Günther und das Museum die Objekte in den Status eines auf institutioneller Ebene diskutierwürdigen Kunstwerkes. Diese Würdigung hebt den Wert der Modelle, die auch verkauft werden können. Der als Galerie organisierte Raum verkauft seine eigene Idee und wird selbst zur Ware. Ganz sicher kein Sinnbild für den Ausverkauf einer idealistischen Idee. Vielmehr ist der Laden ein Beispiel für die Flexibilität des Kunstmarktes und der Institutionen, die in der Lage sind, alles zu integrieren und mit einer schlüssigen Identität auszustatten. Gleichzeitig wird sichtbar wie ein eigenständiges Programm selbstbewusst definiert werden kann und eine durchaus widersprüchliche Idee sich souverän behauptet.

Maik Schlüter, VG Wort, Bonn 2006